ACES Metadata File (AMF): Was es ist und warum alle es nutzen sollten
Das AMF ist eine kleine XML-Datei mit grosser Wirkung: Sie reist mit dem Footage mit und sichert die kreative Farbentscheidung vom Set bis zur finalen Abgabe – ohne Verluste.

Das ACES Metadata File – kurz AMF – ist eine kleine XML-Sidecar-Datei, die mit deinem Footage mitreist und eine eindeutige Farb-Rezeptur für jeden Shot enthält. Netflix Production Technology Resources hat in Zusammenarbeit mit der Academy Software Foundation (ASWF) kürzlich ein erklärendes Video veröffentlicht, das zeigt, warum AMF der nächste Standard für Set-to-Post-Workflows ist. Das Konzept dahinter ist verblüffend einfach: Stell dir vor, jede Kamerarolle hätte ihr eigenes Rezeptbuch dabei – ein Rezept, das genau beschreibt, wie die Farbe zubereitet werden soll, unabhängig davon, wer am nächsten Morgen am Grading-Pult sitzt.
Das Problem, das AMF löst: «Lost in LUTs»
Jeder, der auf grösseren Produktionen gearbeitet hat, kennt das Szenario: Die DoP und der Colorist entwickeln einen schönen Look in der Vorproduktion. Auf dem Set brennt der DIT diesen Look in eine Show-LUT. Beim Dailies-Haus kommt eine leicht andere Version an. In der Postproduktion beginnt der Colorist von vorne, weil niemand mehr genau weiss, welche LUT-Version die «richtige» war. Netflix beschreibt dieses Phänomen treffend als «Lost in LUTs».
Konkret: Produktionen sind heute gezwungen, sich auf schwer skalierbare Custom-LUT-Tracking-Methoden, proprietäre Datenbanken oder endlose E-Mail-Ketten zu verlassen. Farblooks werden dabei oft fest eingebrannt (baked in) oder gehen beim Übergang zwischen den Produktionsphasen vollständig verloren. Das kostet Zeit, Geld – und kreative Energie, die besser in die Geschichte investiert wäre.
Was ist ACES – und was ist ACES 2?
ACES steht für Academy Color Encoding System. Es ist der offene, industrieweite Standard für Farbmanagement, der ursprünglich von der Academy of Motion Picture Arts and Sciences entwickelt wurde und heute ein Projekt der Academy Software Foundation ist. ACES ist kostenlos, Open Source – und in allen wichtigen Produktionstools integriert, von DaVinci Resolve über Filmlight Baselight bis hin zu Pomfort Livegrade.
Das Grundprinzip: Jedes Kamerabild wird über einen Input Transform (IDT) in den universellen ACES-Farbraum überführt – unabhängig vom Kamerahersteller. Dort liegt das «digitale Negativ», mit maximalem Umfang und Dynamik. Von dort aus werden Looks appliziert und das Bild schliesslich über einen Output Transform (ODT) auf das jeweilige Display (Rec. 709, P3, HDR etc.) gemappt.
ACES 2 ist die aktuelle Version des Frameworks. Sie bringt ein verbessertes, wahrnehmungsbasiertes Rendering mit besserem perceptualem Match zwischen SDR- und HDR-Displays – und deutlich verbesserte Invertierbarkeit der Output Transforms, was für den AMF-Workflow essenziell ist.
ACES Metadata File AMF: Das «Farb-Rezeptbuch» für jeden Shot
Das ACES Metadata File ist das praktische Werkzeug, das den ACES-Rahmen in die tägliche Workflow-Kommunikation bringt. Es ist eine leichtgewichtige XML-Datei mit der Endung .amf – sowohl für Menschen lesbar als auch maschinenlesbar. Sie wandert als Sidecar-File neben dem eigentlichen Footage mit und enthält drei Hauptbestandteile:
| Bestandteil | Kürzel | Aufgabe |
|---|---|---|
| Input Transform | IDT | Welche Kamera, welcher Log-Farbraum? Überführt das Kamerabild in ACES. |
| Look Transform | LMT | Der kreative Look der Produktion – als CLF-Datei oder als ASC CDL. |
| Output Transform | ODT | Auf welchem Display wurde der Look beurteilt? (Rec. 709, P3, HDR…) |
Diese drei Angaben zusammen ergeben die vollständige «Farb-Pipeline» für einen Shot. Jede Software, die AMF kennt, kann diesen Shot exakt so wiederherstellen – unabhängig vom eingesetzten Tool oder der Produktionsphase.
Was ist ein LMT – und warum ist das besser als eine Show-LUT?
Bisher war der Standard-Ansatz die Show-LUT: eine vorgerenderte 3D-LUT (.cube), die die gesamte Farbpipeline in einem «Black Box»-File bündelt. Das funktioniert, hat aber einen entscheidenden Nachteil: Die LUT ist für einen bestimmten Log-Farbraum und ein bestimmtes Display gebaut. Wechselst du die Kamera oder das Display, bricht der Look auseinander.
Ein LMT (Look Modification Transform) im ACES-Kontext dagegen ist ein «universeller Look»: Er wird im ACES-Farbraum appliziert, also nach dem IDT und vor dem ODT. Das bedeutet: Der kreative Look funktioniert über alle Kameras und alle Displays hinweg. Eine ARRI-Kamera und eine Sony sehen den gleichen Look – weil beide zuerst nach ACES normalisiert werden.
LMTs werden als CLF-Dateien (Common LUT Format) gespeichert, einem modernen, präziseren Format gegenüber dem klassischen .cube. Sie sind trackbar, portierbar – und können per AMF eindeutig jedem Shot zugeordnet werden.
Der AMF-Lebenszyklus: Von der Vorproduktion bis zum Grade
Der AMF-Lebenszyklus umfasst fünf klar abgegrenzte Produktionsphasen – von der Vorproduktion bis zum finalen Colorgrading. Netflix hat diesen Ablauf in ihrer Produktions-Ressource detailliert beschrieben. Hier der praktische Ablauf:
- Vorproduktion: DoP und Colorist entwickeln den Show-Look in einem ACES-Projekt (z. B. in DaVinci Resolve oder Baselight) und exportieren eine AMF als «Template» – das ist die Blaupause für alle nachfolgenden Stufen.
- Set / DIT: Der DIT importiert die AMF in sein On-Set-Grading-System (z. B. Pomfort Livegrade). Die Farbpipeline ist damit korrekt voreingestellt. Am Wrap exportiert der DIT Shot-spezifische AMFs mit der jeweiligen
clipIdaus der Kamera. - Dailies: Das Dailies-System (z. B. Colorfront OSD) liest die AMFs ein und ordnet sie via
clipIdautomatisch den richtigen Clips zu. Die Farbe ist sofort reproduziert – kein manuelles Nachbauen. - Editorial & VFX: Die AMF reist mit dem Footage zu jedem Vendor. VFX-Künstler wissen exakt, wie das Material farblich einzuordnen ist. Per EDL/ALE mit
AMF_NAMEoderAMF_UUIDkann eine ganze Timeline automatisch verknüpft werden. - Farbfinishing: Der Colorist erhält das gesamte kreative Intent sauber dokumentiert. Er kann exakt da weitermachen, wo der Look-Development-Prozess aufgehört hat – und muss das Rad nicht neu erfinden.
Welche Software unterstützt AMF?
AMF ist kein Nischenstandard mehr. Die wichtigsten Tools aus dem professionellen Produktionsumfeld unterstützen Import und Export laut der ACES-Dokumentation (Stand Juli 2025):
- DaVinci Resolve – Export und Import von AMFs in ACES-Projekten
- Filmlight Baselight – vollständige AMF-Unterstützung
- Pomfort Livegrade / Silverstack – On-Set-Workflow mit AMF-Import und -Export
- Colorfront OSD / Express Dailies – Dailies-Workflow mit automatischer clipId-Verknüpfung
- CineDev AMF Look Builder – dediziertes Tool für Erstellung, Bearbeitung, Verifikation und Konvertierung von AMFs
Wer mit Software arbeitet, die noch kein natives AMF unterstützt, kann Tools wie AMF Look Builder nutzen, um AMFs in Legacy-Formate wie CDL, CCC oder klassische 3D-LUTs zu konvertieren – und so trotzdem von der zentralen Rezeptur zu profitieren.
Das grösste Missverständnis über ACES
Ein häufiges Vorurteil hält sich hartnäckig: ACES habe einen eigenen, aufgezwungenen Look, und wer ACES nutze, müsse diesen akzeptieren. Das ist falsch. Netflix formuliert es klar: «ACES ist ein technischer Standard, kein kreativer.» Das Framework ist darauf ausgelegt, jeden beliebigen kreativen Look oder jede LUT zu unterstützen – sei es Film-Emulation, ein individueller Grading-Stil oder ein bestehendes LUT-System. ACES schützt die Kreativität, es schränkt sie nicht ein.
Wer bereits einen bestehenden Look in Form einer .cube-LUT entwickelt hat, kann diesen per sogenanntem «LMT-Sandwich» in eine ACES-konforme LMT konvertieren. Netflix entwickelt dafür aktuell ein Tool namens LMT Maker, das für Produktionen voraussichtlich noch 2026 verfügbar sein soll.
Warum jetzt der richtige Zeitpunkt ist
AMF ist kein Zukunftsprojekt mehr. Es ist ein verabschiedeter Standard (SMPTE S-2019-001), er ist in allen relevanten Grading- und On-Set-Tools verankert, und mit ACES 2 und dem aktiven Push von Netflix und der Academy Software Foundation erlebt er gerade seinen Mainstream-Durchbruch in der Serienproduktion.
Was das für dich als Colorist, DIT oder DoP bedeutet: Wer heute eine Produktion startet und den Farb-Workflow noch mit Show-LUTs und E-Mail-Ketten koordiniert, arbeitet mit Werkzeugen von vorgestern. AMF kostet nichts – es ist Open Source. Die Software-Unterstützung ist da. Der einzige Aufwand liegt im einmaligen Einrichten des Workflows und im Verständnis der Grundprinzipien.
Wer tiefer einsteigen will: Die offizielle AMF-Spezifikation auf ACESCentral ist ein ausgezeichneter Ausgangspunkt. Und wer den gesamten Farbworkflow von Grund auf verstehen möchte – von Kamerasettings über Licht bis hin zu Colorscience – findet bei Studio 1 einen praxisnahen Kurs zu Kamera, Licht und Ton oder DaVinci Resolve Kurs, der genau diese Grundlagen legt.
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