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Google verschlüsselt seine Suchresultate — und die Rechnung landet bei dir

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Seit Ende August leitet Google jeden Klick in den Suchresultaten über verschlüsselte goto-Links — auflösen kann sie nur Google selbst. Nutzer merken nichts. Doch hinter der unscheinbaren Änderung steckt ein Datenkrieg gegen KI-Firmen und SEO-Tools, dessen Rechnung am Ende bei dir landet.

Illustrierte Burg mit Google-Banner, belagert von Türmen mit Semrush-, Ahrefs- und Sistrix-Logos sowie grauen Roboterfiguren.
Editorial-Illustration einer steinernen Burg mit Google-Banner, belagert von Semrush-, Ahrefs- und Sistrix-Belagerungstürmen sowie grauen Roboter-Figuren. (Bild: KI-generiert)

Seit Ende August 2026 verstecken Googles Suchresultate, wohin ihre Links führen. Statt der Zieladresse steht im Code der Resultatseite eine verschlüsselte Weiterleitung über google.com/goto, auflösen kann sie nur Google selbst. Für dich als Nutzerin oder Nutzer ändert sich beim Klicken nichts. Für die Industrie, die Googles Suchresultate maschinell ausliest, ändert sich alles. Und die Kosten dieses Umbaus werden nicht bei Google hängen bleiben.

Was genau passiert ist

Wer den Quelltext einer Google-Resultatseite öffnet, fand dort jahrelang die Zieladresse im Klartext. Google leitete Klicks zwar schon immer über eigene Tracking-Links (das Muster google.com/url gibt es seit über 15 Jahren), aber die eigentliche Adresse stand lesbar drin. Ein Programm konnte sie einfach herauskopieren.

Genau das geht jetzt nicht mehr. Die neuen goto-Links enthalten statt der Adresse nur noch eine verschlüsselte Kennung. Wer wissen will, wohin ein Resultat führt, muss den Link tatsächlich bei Google aufrufen und sich weiterleiten lassen, für jeden einzelnen Link, bei Hunderten Links pro Resultatseite. Der Rank-Tracking-Anbieter Nozzle rechnet vor: Ein einziger Ranking-Report über fünf Resultatseiten kostet neu 500 bis 1000 Serveranfragen statt einer Handvoll.

Erste Sichtungen gab es im Juni 2026, seit dem 26. August ist der Rollout gegenüber Scraping-Infrastruktur laut Nozzle nahezu flächendeckend, und Google hat ihn am selben Tag bestätigt, mit einem einzigen Satz: Man habe «eine lange Geschichte technischer Massnahmen gegen sich entwickelnde Formen von Missbrauch».

Wovor schützt sich Google eigentlich?

Nicht vor dir. Google trackt Klicks von Menschen seit jeher, daran ändert sich nichts, wer das Neue als «Google überwacht jetzt alles» liest, verwechselt die Richtung. Die Massnahme zielt auf Maschinen, und zwar auf zwei Gruppen.

Die SEO-Datenindustrie. Jede Positionsabfrage eines Rank-Trackers ist eine simulierte Suche: Sie erzeugt Last auf Googles Servern, klickt nie auf Werbung und findet millionenfach pro Tag statt. Toleriert wurde das jahrzehntelang.

Die KI-Branche. Das ist der eigentliche Auslöser. KI-Antwortmaschinen und Start-ups kaufen massenhaft ausgelesene Google-Resultate ein, um ihre eigenen Antworten damit zu unterfüttern, Googles Ranking als Gratis-Rohstoff für Produkte, die Google Konkurrenz machen. Branchenberichte nennen als Adressaten der Massnahme explizit Scraping-Dienstleister wie SerpApi und deren KI-Kundschaft.

Bemerkenswert ist die Wahl der Waffen: Google zieht nicht vor Gericht, Google baut Mauern. goto ist bereits die dritte Eskalationsstufe in kurzer Zeit, Anfang 2025 machte Google JavaScript zur Pflicht für die Suche, im September 2025 strich es den num=100-Parameter, mit dem sich 100 Resultate in einer einzigen Abfrage laden liessen. Jede Stufe macht das Auslesen nicht unmöglich, aber teurer. Das ist technische Kriegsführung nach Lehrbuch: Man besiegt den Gegner nicht, man ruiniert seine Marge.

ZeitpunktMassnahmeWirkung für Datensammler
Januar 2025JavaScript-Pflicht für die Sucheeinfache HTML-Scraper ausgesperrt
September 2025num=100-Parameter abgeschafft10 Abfragen statt 1 für die Top 100
Juni–August 2026goto-Redirects auf den Resultat-Linksjede Ziel-URL einzeln bei Google aufzulösen
Januar 2027DMA-Pflicht zur Datenteilung (EU)legaler Zugang, aber nur für Suchmaschinen und KI-Chatbots
Drei technische Riegel und ein juristischer Gegenschlag: Googles Abschottung der Suchresultate 2025–2027.
Drei technische Riegel und ein juristischer Gegenschlag: Googles Abschottung der Suchresultate 2025–2027.

Der Aufwand für die Datensammler wächst mit jeder Stufe um eine Grössenordnung:

StandAufwand für einen Ranking-Report (Grössenordnung)
bis September 20251 Abfrage
nach dem num=100-Aus10 Abfragen
seit den goto-Redirects500–1000 Anfragen

Die Ironie dabei: Juristisch läuft es gerade in die Gegenrichtung. Die EU-Kommission hat am 16. Juli 2026 unter dem Digital Markets Act verfügt, dass Google ab Januar 2027 anonymisierte Ranking-, Such- und Klickdaten mit konkurrierenden Suchmaschinen und KI-Chatbots teilen muss, zu fairen Konditionen. Google mauert also technisch gegen Scraper, während es per Gerichtsbeschluss die Tür für Konkurrenten öffnen muss. SEO-Tools sind von dieser Öffnung übrigens ausgenommen: Der Datenzugang gilt für Suchmaschinen und Chatbots, nicht für Ranktracker.

Katz und Maus: Wie die Tools reagieren

Was passiert, wenn Google die Kosten verzehnfacht, hat der num=100-Fall im Herbst 2025 bereits gezeigt, er ist die Blaupause für das, was jetzt kommt:

Dieses Ahrefs-Comeback ist lehrreich, gerade weil die Methode geheim bleibt. Ahrefs selbst schreibt nur, man prüfe «Wege, sich an das neue Umfeld anzupassen», und räumt ein, dass ein kleiner Teil der Abfragen weiterhin keine vollen 100 Resultate liefert. Die naheliegendste Erklärung ist unspektakulär: Sie zahlen den Preis, zehn Einzelabfragen statt einer, über riesige Proxy-Netze, und schlucken die Kosten vorerst. Konkurrenten sticheln derweil, die wiederhergestellte Tiefe werde seltener aktualisiert als früher. Ob das stimmt, lässt sich von aussen nicht prüfen, und genau das ist der Punkt: Die Verlässlichkeit dieser Daten ist zur Vertrauensfrage geworden. Keine unabhängige Stelle kann mehr messen, wie viel davon frisch erhoben, wie viel gestreckt und wie viel geschätzt ist.

Beim goto-Umbau wiederholt sich das Spiel eine Etage tiefer, bei den Daten-Grossisten. DataForSEO, ein Anbieter, von dem viele kleinere Tools ihre Rohdaten beziehen, meldete zwei Tage nach dem Rollout, man löse 99,99 Prozent der verschlüsselten Links in den organischen Resultaten wieder auf. Wie? Nicht durch Kooperation mit Google und nicht durch Datenkauf. Eine offizielle Google-Schnittstelle für Suchresultate gibt es nicht, Google verkauft diese Daten an niemanden. Die Anbieter folgen schlicht jeder einzelnen Weiterleitung mit eigener Infrastruktur, gegen Googles Nutzungsbedingungen, in einer rechtlichen Grauzone, die Google bisher technisch statt juristisch bekämpft. Es ist rohe Rechenleistung gegen rohe Rechenleistung. Und die Lücken zeigen, wo die Mauer schon wirkt: Bei den Quellenangaben in Googles KI-Übersichten bleibt laut DataForSEO über die Hälfte der Links vorerst unaufgelöst.

Die Bots standen sogar in deinen eigenen Zahlen

Wie gross das maschinelle Mitlesen tatsächlich war, konnte im September 2025 jeder Website-Betreiber selbst beobachten, im eigenen Search-Console-Konto. Als Google den num=100-Parameter sperrte, sanken bei vielen Websites die gemeldeten Desktop-Impressionen um 20 bis 50 Prozent, während sich die «durchschnittliche Position» schlagartig verbesserte. Der Grund: Jede Scraper-Abfrage mit 100 Resultaten hatte als Impression gezählt, auch auf der neunten oder zehnten Resultatseite, wo nie ein Mensch hinscrollt. Mit den Scrapern verschwand der Ballast aus der Statistik.

Unsere eigenen Zahlen für studioeins.ch zeigen den Schnitt präzise. In den vier Wochen vor dem Umbau meldete die Search Console für Desktop-Suchen eine durchschnittliche Position von 25, in den vier Wochen danach eine von 12, der Übergang dauerte genau jene September-Woche, in der Google die Änderung ausrollte. Am Inhalt der Website hatte sich nichts geändert: drei bis vier Blogposts pro Monat wie immer, und die Zahl der Seiten mit Impressionen sank sogar. Die Desktop-Impressionen gingen um 16 Prozent zurück; die Klicks blieben mit 443 gegenüber 456 praktisch gleich.

studioeins.ch, Desktop4 Wochen vor dem Umbau4 Wochen danach
Ø-Position laut Search Console2512
Impressionen25 83321 610
Klicks456443
Die gemeldete Durchschnittsposition von studioeins.ch (Desktop), Kalenderwochen 32–42/2025: im Vier-Wochen-Mittel von 25 auf 12, ohne Änderung an der Website, der Übergang fällt exakt in die num=100-Abschaltwoche. Quelle: Google Search Console.
Die gemeldete Durchschnittsposition von studioeins.ch (Desktop), Kalenderwochen 32–42/2025: im Vier-Wochen-Mittel von 25 auf 12, ohne Änderung an der Website, der Übergang fällt exakt in die num=100-Abschaltwoche. Quelle: Google Search Console.

Und jetzt der entlarvende Teil: Rechnet man aus, auf welcher Position die verschwundenen Impressionen gesessen haben müssen, landet man bei Position 91, die zehnte Resultatseite. Dort war nie ein Mensch. Das war das maschinelle Publikum: Tools, die mit dem 100-Resultate-Parameter abfragten und dabei für jede gefundene Seite eine «Impression» hinterliessen, bis tief auf die zehnte Resultatseite. Im September 2025 hat Google dieses Publikum ausgesperrt, und die Statistiken wurden schlagartig ehrlicher, ohne dass sich an der Realität irgendetwas geändert hätte.

David gegen Goliath, und wer am Schluss zahlt

Man kann diesen Konflikt als Duell der Giganten lesen: Google gegen die KI-Branche. Aber die Kollateralschäden verteilen sich nach unten. Die grossen Suiten können nachrüsten, mehr Server, mehr Proxies, geschluckte Kosten. Kleine Rank-Tracker, Nischen-Tools und Agenturen mit eigener Datenerhebung können das nicht; sie kürzen Leistung oder geben auf.

Und am Ende der Kette stehst du: Ahrefs‘ Lite-Plan kostet 129 Dollar im Monat, Semrush beginnt bei 139 Dollar, Sistrix reicht von 119 bis 799 Euro, Tendenz steigend, Datenqualität schwankend. Du zahlst also perspektivisch mehr für Daten, die löchriger, seltener aktualisiert und schlechter überprüfbar sind als vor zwei Jahren. Weniger Ware, höherer Preis: In jedem anderen Markt würde man von einer Knappheitskrise sprechen. Genau das ist es, Google hat den Rohstoff verknappt, auf dem eine ganze Industrie gebaut ist.

Lohnt sich ein SEO-Tool-Abo überhaupt noch?

Ehrliche Antwort: Es kommt darauf an, wofür du es nutzt, und die Rechnung hat sich verschoben.

Was die Abos weiterhin gut können: Backlink-Analysen (Ahrefs crawlt dafür das Web selbst, Google spielt keine Rolle), Konkurrenzvergleiche in der Grössenordnung, Keyword-Ideen, technische Audits. Diese Daten sind vom Abschottungskrieg kaum betroffen.

Was fragwürdig geworden ist: tiefes Positions-Tracking. Ob deine Seite auf Platz 47 oder 62 steht, war schon immer eher Dekoration als Entscheidungsgrundlage, jetzt ist es Dekoration mit sinkender Messgenauigkeit zu steigendem Preis. Für die meisten KMU und Creators gilt: Positionen jenseits von Platz 20 brauchst du nicht täglich, und ob ein Ranking bei Platz 8 oder 11 liegt, sagt dir eine Quelle präziser als jedes Tool.

Diese Quelle ist die Google Search Console: kostenlos, direkt von Google, mit deinen echten Klicks und Positionen statt simulierten Abfragen. Google selbst hat 2026 nachgelegt: Drittanbieter-Tools hätten keinen Zugang zu internen Ranking-Daten, die Search Console sei die massgebliche erste Quelle. Das war schon immer wahr; der Abschottungskrieg macht es nur offensichtlicher. Wer seine Entscheidungen auf die eigenen First-Party-Daten stützt und Tools nur noch punktuell zuschaltet, verliert durch den ganzen Konflikt fast nichts.

Wie geht es weiter?

Erstens: Google hat mit KI mehr zu verteidigen als je zuvor. Die eigenen KI-Übersichten beantworten Fragen direkt auf der Resultatseite, die Suchdaten sind Trainings-Gold, und jeder externe Zugriff füttert potenzielle Konkurrenz. Die Burg ist wertvoller geworden, also werden die Mauern höher. Es wäre naiv anzunehmen, goto sei die letzte Stufe; denkbar sind Ratenbegrenzungen auf den Weiterleitungen oder aggressivere Bot-Erkennung genau dort.

Zweitens: Die Ausweichrouten verschwinden. Microsoft hat seine Bing-Suchschnittstelle, jahrelang der einzige offizielle Grossindex zum Mieten, im August 2025 komplett abgeschaltet. Unabhängige Indizes wie Brave sind ernsthafte Projekte, aber um Grössenordnungen kleiner. Kurzfristig gibt es keinen Plan B zum Google-Scraping, nur teureres Google-Scraping.

Drittens: Die Regulierung schafft einen zweiten Datenkanal. Wenn Google ab 2027 Suchdaten mit Suchmaschinen und KI-Chatbots teilen muss, entsteht erstmals ein legaler Zugang zum wertvollsten Datenschatz des Webs, reguliert, anonymisiert, auf Europa gemünzt. Ob davon je etwas bei SEO-Werkzeugen ankommt, ist offen. Aber es ist der erste Riss in der Mauer, den nicht Technik geschlagen hat, sondern Recht.

Viertens: Einfacher wird es nie wieder. Die Ära, in der man Suchresultate quasi gratis auslesen konnte, ist vorbei. SERP-Analysen werden komplexer, teurer und exklusiver; ein Teil der heutigen Tool-Landschaft wird das nicht überleben. Die Gewinner sind die, die auf Daten bauen, die ihnen selbst gehören.

Was du jetzt konkret tun solltest

  1. Richte die Search Console als Leitinstrument ein: falls noch nicht geschehen. Deine echten Klicks, Impressionen und Positionen, direkt von Google, gratis. Alles andere ist Schätzung.
  2. Prüfe dein Tool-Abo gegen deine echte Nutzung. Brauchst du Backlink-Daten und Konkurrenzanalysen? Behalten. Zahlst du vor allem für tägliches Top-100-Tracking? Dann zahlst du für die schwächste Ware im Regal.
  3. Miss Trends an deinen eigenen Daten, nicht an Tool-Kurven. Ranking-Zeitreihen aus Drittanbieter-Tools haben seit 2025 zwei strukturelle Brüche (num=100 und goto), vergleiche über diese Grenzen hinweg sind mit Vorsicht zu geniessen. Das gilt selbst für die Search Console: Impressionen, CTR und Durchschnittsposition haben Mitte September 2025 einen harten Bruch, vergleiche nie über dieses Datum hinweg. Die Klicks blieben durchgehend sauber; sie sind die harte Währung.
  4. Keine Panik bei seltsamen Tool-Werten. Wenn dein Rank-Tracker plötzlich Lücken zeigt oder google.com als Konkurrenten listet, ist das kein Einbruch deiner Website, sondern ein Symptom des Umbaus.

Quellen: Google-Bestätigung und Rollout-Messung (PPC Land) · Erste Sichtung der goto-Links (Search Engine Roundtable) · DataForSEO zur Auflösungsquote · DemandSphere zu den Gegenmassnahmen · Ahrefs zur Top-100-Wiederherstellung · EU-Spezifikationsentscheid zu Art. 6(11) DMA · GSC-Impressions-Bruch Sept. 2025 (Found) · Studioeins-Zahlen: eigene Search-Console-Auswertung, Wochen 32–42/2025.

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