Checkliste für deinen Medienauftritt
Ein Journalist ruft an. Die erste Regung ist oft Unbehagen, die zweite die Frage, ob man überhaupt zusagen soll.
Man sollte. Eine Medienanfrage ist eine Gelegenheit, den eigenen Standpunkt darzulegen, und das gilt auch für kritische Anfragen. Wer sie ausschlägt, verhindert damit nicht die Berichterstattung, sondern nur den eigenen Anteil daran: Es wird dann über einen gesprochen statt mit einem.
Die Vorbereitung beginnt allerdings nicht beim Termin, sondern schon beim Telefonat. Diese Checkliste führt der Reihe nach durch: von den Fragen vor der Zusage bis zum Gegenlesen.
Was du klärst, bevor du zusagst
Die wichtigste Frage zuerst, weil sie alles andere bestimmt: Welche Rolle spielt dein Interview im Beitrag? Werden mehrere Fragen und Antworten ausgestrahlt, ist ein längeres Gespräch geplant, oder braucht der Journalist am Ende einen O-Ton von zwanzig Sekunden? Für zwanzig Sekunden bereitet man sich völlig anders vor als für zehn Minuten.
Danach das Übrige:
- Thema und konkreter Anlass: worum geht es?
- Der Aufhänger: warum entsteht der Beitrag gerade jetzt, welcher Aspekt interessiert besonders?
- Medium und Format: Zeitung, Radio, Fernsehen, Online, Podcast?
- Live oder aufgezeichnet?
- Wer führt das Gespräch: Journalistin, Moderator?
- Wer sonst noch: weitere Interviewpartner, Gegenpositionen?
- Ort und Setting: Studio, Büro, draussen?
- Wann wird aufgezeichnet, wann publiziert?
Was du nicht verlangen solltest: die Fragen vorab, vollständig und schriftlich. Das ist weder üblich noch nötig, und die wenigsten Medienschaffenden gehen darauf ein. Ein gutes Vorgespräch über Thema, Erwartungen und Schwerpunkte bringt mehr und schafft nebenbei die Beziehung, die im Interview trägt.
Erst das Spielfeld kennen, dann entscheiden, ob und wie man darauf spielt.
Deine Kernbotschaft: eine, nicht drei
Die häufigste Vorbereitungsfalle ist, zu viel sagen zu wollen.
Bei einem Interview mit wenigen Fragen ist eine einzige Kernbotschaft die richtige Zahl. Das klingt nach Verzicht und ist das Gegenteil: Es zwingt zur Priorisierung. Von mehreren Antworten wird am Ende oft nur eine ausgestrahlt, und wenn alle auf dieselbe Aussage einzahlen, bleibt genau diese hängen, egal welche es in den Beitrag schafft.
Die Kernbotschaft ist ein einfacher Satz: keine Nebensätze, keine Fachbegriffe, nicht zwei Gedanken gleichzeitig. Sie ist nicht die Zusammenfassung aller Fakten, sondern der eine Satz, der beim Publikum bleiben soll.
Zu kompliziert: «Aufgrund der verschiedenen Entwicklungen im Markt und der damit verbundenen wirtschaftlichen Herausforderungen müssen wir unsere bestehenden Prozesse überprüfen und teilweise anpassen.»
Als Kernbotschaft: «Wir müssen uns verändern, um langfristig erfolgreich zu bleiben.»
Wie eine Antwort aufgebaut ist
Antwort, dann Begründung oder Beispiel, dann Kernbotschaft.
Zuerst die Frage tatsächlich beantworten. Dann erklären oder mit einem Beispiel konkretisieren. Die Kernbotschaft ans Ende: Dort wirkt sie am stärksten nach, und dort holt sich der Journalist seinen O-Ton.
Drei Strukturen, die immer funktionieren
| Struktur | Wofür | Beispiel |
|---|---|---|
| Gestern, heute, morgen | Entwicklungen erklären | «Vor fünf Jahren verkauften wir fast nur im Laden. Heute macht online einen Drittel aus. Künftig verbinden wir beides stärker.» |
| Einerseits, andererseits, deshalb | kontroverse Themen | «Einerseits steigen unsere Kosten. Andererseits wollen wir bei der Qualität nicht sparen. Deshalb erhöhen wir die Preise moderat.» |
| Problem, Lösung, Nutzen | Entscheidungen und Projekte | «Unsere Anlage ist am Limit. Deshalb bauen wir aus. Damit produzieren wir schneller.» |
Es gibt weitere: Fakt, Bedeutung, Konsequenz. Oder Situation, Handlung, Ergebnis. Oder Zahl, Einordnung, Bedeutung. Alle folgen demselben Prinzip.
Eine gute Antwort braucht keine komplizierte Rhetorik. Sie braucht eine erkennbare Struktur und einen klaren letzten Satz.
Wenn die Fragen unangenehm werden
Die beste Vorbereitung auf schwierige Fragen ist unspektakulär: das Vorgespräch. Viele überraschende Fragen sind gar nicht als Provokation gemeint. Sie entstehen, weil beide Seiten unterschiedliche Vorstellungen vom Gespräch hatten, oder weil der Journalist schlicht nicht weiss, worüber er mit dir sprechen kann und worüber nicht.
Wer sein eigenes Spielfeld kennt, also Fakten, kritische Punkte, mögliche Gegenargumente und die eigene Kernbotschaft, wird selten wirklich überrascht. Für den Rest gibt es drei Werkzeuge.
Abgrenzung: nur für das sprechen, wofür du zuständig bist
Niemand muss sich dazu verleiten lassen, ausserhalb des eigenen Fachbereichs zu antworten.
Frage: «War es medizinisch wirklich notwendig, den Patienten mit dem Helikopter ins Universitätsspital zu fliegen?»
Antwort: «Die medizinische Beurteilung liegt bei unserer Notärztin, dazu kann ich als Pilot keine fachliche Einschätzung abgeben. Ich kann Ihnen aber erklären, welche fliegerischen Herausforderungen dieser Einsatz mit sich brachte.»
Entscheidend ist der Ton. «Dazu sage ich nichts» klingt nach Mauer. Erkläre stattdessen, warum du nicht antworten kannst, und biete an, was du aus deiner Rolle heraus beitragen kannst.
Das Prinzip: Grenze benennen, Zuständigkeit erklären, auf dein Feld zurückführen. Das schützt dich nicht nur, es macht dich glaubwürdiger: Wer nur das beurteilt, was er beurteilen kann, wird darin ernster genommen.
Bridging: beantworten, dann überleiten
Frage: «Wird der Stellenabbau nicht vor allem gemacht, um Kosten zu sparen?»
Antwort: «Natürlich spielen die Kosten eine Rolle. Entscheidend ist aber, dass wir uns langfristig so aufstellen, dass wir wettbewerbsfähig bleiben.»
Brücken sind kurze Wendungen: «entscheidend ist aber», «wichtig ist dabei», «im Zentrum steht».
Bridging ist kein Werkzeug, um unangenehme Fragen zu umgehen. Das Publikum erkennt Ausweichmanöver sofort, und dann kostet die Technik mehr, als sie bringt. Die Reihenfolge ist nicht verhandelbar: zuerst beantworten, danach überleiten.
Reframing: eine falsche Annahme korrigieren
Manche Fragen enthalten bereits eine Behauptung.
Frage: «Warum haben Sie Ihre Mitarbeitenden so spät informiert?»
Antwort: «Von einer verspäteten Information würde ich nicht sprechen. Wir haben informiert, sobald die Entscheide getroffen waren und wir verlässliche Aussagen machen konnten.»
Die Behauptung wird ruhig korrigiert, nicht empört zurückgewiesen, und dann folgt die eigene Einordnung.
Und wenn du etwas nicht weisst
Nicht spekulieren. Wer rät, produziert das Zitat, das ihn später einholt.
Statt «kein Kommentar», was immer nach Verheimlichung klingt: erkläre die Zurückhaltung. «Dazu können wir uns derzeit nicht äussern, weil das Verfahren noch läuft» sagt dasselbe und wirkt nicht abwehrend.
Vor der Kamera: Kleidung und Bild
Die Bildwirkung ist stärker als die inhaltliche. Man kann fachlich brillant antworten und trotzdem nicht kompetent wirken, wenn das Bild etwas anderes erzählt.
Massgeblich ist ein kongruentes Gesamtbild: Kleidung, Funktion, Botschaft und Umgebung müssen zusammenpassen. Ein Baumanager auf der Baustelle darf und soll anders aussehen als derselbe Mensch beim Interview am Hauptsitz.
- Keine feinen Muster, keine engen Streifen, keine kleinen Karos. Sie flimmern in der Kamera (Moiré).
- Keine grossen Logos oder Schriftzüge und keinen sehr auffälligen Schmuck. Beides zieht den Blick vom Gesicht weg.
- Kein klimpernder Schmuck. Er landet im Ton.
- Brille reinigen.
- Bei Uniform oder Arbeitskleidung: Reissverschlüsse geschlossen, Namensschild gerade, Krawatte gecheckt, alles sitzt.
Alles, was das Publikum zuerst anschauen, lesen oder entschlüsseln muss, konkurriert mit deinem Inhalt.
Und die Gegenregel, die genauso wichtig ist: Wer sich verkleidet fühlt, sieht auch so aus. Unsicherheit ist im Bild sofort erkennbar. Nimm etwas, das zu dir und zur Situation passt, nicht das Teuerste im Schrank.
Zur Haltung vor der Kamera haben wir einen eigenen Beitrag: Richtig sitzen vor der Kamera.
Nach dem Interview: darfst du gegenlesen?
Hier hält sich ein Missverständnis, und es lohnt sich, die beiden Fälle auseinanderzuhalten.
Bei Fernsehen und Radio gilt: Was vor Kamera oder Mikrofon gesagt wurde, darf verwendet werden. Eine Abnahme des fertigen Beitrags ist nicht vorgesehen. Wer darauf besteht, wird beim nächsten Mal nicht mehr gefragt.
Was aber häufig möglich ist: den Journalisten bitten, eine Frage nochmals zu stellen, wenn die Antwort holprig geraten ist. Auch der Journalist hat ein Interesse an einem gut verständlichen, flüssigen O-Ton, der ihm die Arbeit im Schnitt erleichtert.
Bei Gesprächen, die verschriftlicht werden, ist es anders. Gerade beim klassischen Frage-Antwort-Interview ist das Gegenlesen der eigenen Aussagen in der Schweiz üblich, und es ist sinnvoll: Gesprochene Sprache muss für den Druck gekürzt und verdichtet werden, und dabei entstehen Verkürzungen, die den Sinn verschieben können.
Was Gegenlesen nicht ist: eine zweite Chance. Korrigiert werden sachliche Fehler, missverständliche Verdichtungen und Formulierungen. Die gemachten Aussagen lassen sich nicht nachträglich durch neue Positionen ersetzen, und der Versuch beschädigt die Zusammenarbeit dauerhaft.
Frag nach dem Gegenlesen am besten schon im Vorgespräch, nicht nach dem Interview. Dann ist es eine Absprache und keine Forderung.
Wo du das übst
Eine Checkliste ersetzt keine Übung. Wer zum ersten Mal ein Mikrofon vors Gesicht bekommt, merkt, dass zwischen «ich weiss, wie es geht» und «ich kann es» ein Kamerateam steht.
Genau dafür gibt es unser Medientraining.
| Dauer | 1 Tag, 09.00 bis 17.00 Uhr |
| Gruppe | 5 bis 8 Personen |
| Ort | Wallisellen |
| Preis | CHF 980.– |
| Abschluss | Teilnahmebestätigung |
| Vorkenntnisse | keine nötig |
Jede Teilnehmerin und jeder Teilnehmer steht mindestens viermal selbst vor der Kamera. Die genaue Zahl hängt von der Gruppengrösse ab.
Der Lerneffekt kommt dabei nicht nur aus den eigenen Auftritten. Ein wesentlicher Teil des Tages ist die gemeinsame Analyse der Interviews der anderen. Dort werden Stärken, Fehler und Lösungswege unmittelbar sichtbar, und zwar an Menschen in derselben Lage.
Der Ablauf ist immer derselbe: ausprobieren, anschauen, gemeinsam analysieren, verbessern, erneut ausprobieren. Am Ende des Tages vergleichst du deinen ersten Auftritt mit dem letzten. Dieser Vergleich ist das eigentliche Ergebnis.
Der Kurs richtet sich an Fachverantwortliche und Auskunftspersonen, Führungskräfte aus Organisationen, Verbänden und Vereinen, Menschen aus der Politik und alle, die ihre Botschaften vor der Kamera klar vermitteln wollen.
Geht es dir weniger um Journalisten als um Auftritte vor Publikum, ist Auftrittskompetenz trainieren der passende Beitrag.
Trainer: Adrian Schindler, Coach für Videomarketing und Medienauftritte.
Willst du im Interview überzeugen?
Im Medientraining übst du den Ernstfall: Interview, kritische Fragen und Auftritt vor der Kamera, mit einem Medienprofi als Kursleitung.
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