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Miller Tripods schliesst: eine Verneigung – und eine Warnung an alle, die sich sicher fühlen

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Miller Tripods schliesst nach 72 Jahren – die Firma, deren Gründer 1946 den Fluidkopf erfand. Warum dieses Ende Respekt verdient – und eine Warnung an alle westlichen Hersteller ist, von Manfrotto bis Sennheiser. Ein Kommentar von Roman Lehmann.

Miller Tripods

Ein Kommentar von Roman Lehmann

Das Wichtigste in Kürze

Meldungen über Firmenschliessungen lese ich normalerweise mit einem Schulterzucken. Diese nicht. Wenn Miller am 25. September zum letzten Mal ein Stativ verkauft, verschwindet nicht einfach ein Hersteller unter vielen. Es verschwindet die Firma, deren Gründer vor 80 Jahren erfunden hat, worauf bis heute fast jede professionelle Kamera steht. Und je länger ich über dieses Ende nachdenke, desto weniger lese ich es als nostalgische Randnotiz, und desto mehr als Warnung.

Die Erfindung, die nie ersetzt wurde

Von der Erfindung des Fluid-Kopfs 1946 bis zur endgültigen Schliessung am 30. September 2026: die wichtigsten Stationen von Miller Tripods auf einen Blick.
Von der Erfindung des Fluid-Kopfs 1946 bis zur endgültigen Schliessung am 30. September 2026: die wichtigsten Stationen von Miller Tripods auf einen Blick.

Rückblende ins Jahr 1946. Kameraschwenks sind damals eine Qual: Wer eine der schweren Filmkameras bewegen will, arbeitet mit klobigen Zahnrad-Köpfen, die ruckeln und diagonale Bewegungen fast unmöglich machen. Ein Ingenieur aus Sydney namens Robert «Bob» Miller hat eine bessere Idee: Er lagert die Bewegung in Flüssigkeit. Die viskose Dämpfung macht Schwenks auf einen Schlag weich, gleichmässig und fein dosierbar. 1946 erhält er darauf das australische Patent, das weltweit erste auf einen Fluidkopf –, 1949 folgt das US-Patent. 1954 gründet er R.E. Miller Pty Ltd und ergänzt im selben Jahr mit dem «Viscosity Drag» die einstellbare Dämpfung.

Blatt 1 des US-Patents 2,459,040 von Eric Miller mit den technischen Zeichnungen des ersten Fluidkopfs, erteilt am 11. Januar 1949.
Das Original: Blatt 1 des US-Patents 2,459,040 «Tripod Head», eingereicht im November 1947, erteilt am 11. Januar 1949. Fig. 1 zeigt Bob Millers Fluidkopf in der Perspektive, Fig. 2 den Schnitt durch die flüssigkeitsgedämpfte Mechanik. (Bild: USPTO, gemeinfrei)

Und jetzt der Punkt, der mir Respekt abnötigt: Dieses Prinzip ist nie ersetzt worden. Achtzig Jahre später arbeitet jeder professionelle Videokopf, ob von Sachtler, Vinten, O’Connor, Benro oder Sirui, nach Millers Grundidee. Verfeinert, ja. Abgelöst, nie. Es gibt technische Entwicklungen, die bleiben, weil sie schlicht richtig waren. Genau das gehört honoriert, ohne Nostalgie-Kitsch: Wer heute einen butterweichen Schwenk hinlegt, zitiert eine Idee von 1946.

Miller blieb dieser Ingenieurs-Haltung treu und fertigte bis zuletzt in Australien statt in Fernost. Über 200’000 Systeme sind laut Firmenangaben weltweit im Einsatz, bei mehr als 265 Sendern in über 65 Ländern, vom kleinen EB-Team bis zur BBC.

Warum 80 Jahre Vorsprung nicht gereicht haben

Umso härter ist der Kontrast zur Schlussmeldung. Die Inhaber Mark und Diane Clementson, die Firma war 55 Jahre in den Händen ihrer Familie, gehen in den Ruhestand. In ihrem Abschiedsbrief ist von einer «aussergewöhnlichen Reise» die Rede, die Mitte der 1940er-Jahre in Sydney begann. Was im Brief fehlt, sagt mehr als das, was drinsteht: kein Nachfolger, kein Käufer, kein Plan für Service und Ersatzteile über eine Übergangsphase hinaus. Laut Newsshooter wurde ein Käufer gesucht, ohne Erfolg. Dabei kam das Ende für Aussenstehende abrupt: Noch im Juni stand Miller an der Cine Gear und öffnete sein US-Lager für die Kundschaft, im März lief eine Gratis-Upgrade-Aktion auf Carbon-Beine.

Man muss das nüchtern aussprechen: Eine Firma mit dieser Geschichte, diesem Ruf und dieser installierten Basis war offenbar niemandem mehr eine Übernahme wert. Das ist die eigentliche Nachricht. Und sie passt in ein grösseres Bild: Videndum, der Mutterkonzern von Sachtler, Vinten und O’Connor, hat drei Verlustjahre in Folge hinter sich, musste sich diesen Frühling mit 85 Millionen Pfund refinanzieren und trägt weiterhin einen Going-Concern-Vorbehalt in den Büchern. Die traditionsreiche westliche Stativ-Industrie steckt in der Zange: oben strauchelnde Konzerne, unten Herausforderer, die schneller, hungriger und günstiger sind.

Die Konkurrenz aus China kopiert nicht mehr, sie erfindet

Damit zum bequemen Vorurteil, das sich in unserer Branche hartnäckig hält: «Aus China kommt nur Nachbau.» Das war einmal. Benro hat mit dem Theta das weltweit erste selbstnivellierende Reisestativ gebaut, Gyroskope, Motoren, drei Sekunden bis zur Waage. Das ist kein Nachbau, das ist Invention. SmallRig hat sich vom Cage-Hersteller zum Ökosystem-Anbieter entwickelt, der seine Produkte eng entlang dem Feedback der Community konstruiert. Und als CineD ein Stativsystem von K&F Concept für 199 Dollar testete, lautete das Fazit sinngemäss: eine Leistung, die vor zehn Jahren ein Mehrfaches gekostet hätte.

Ich schreibe das nicht vom Hörensagen. Bei uns im Studio stehen Stative von Benro und Sirui im täglichen Einsatz, und ich bin begeistert: Verarbeitung, Bedienung, Detail-Ideen, und ein Preis-Leistungs-Verhältnis, das in einer Liga spielt, in die Sachtler und Miller nie vorgestossen sind. Zum Vergleich aus dem eigenen Betrieb: Von Manfrotto habe ich diverse Licht- und Kamerastative im Einsatz. Für unsere Schulungen standen rund 30 stapelbare Lichtstative bereit, nach drei Jahren war der Stack-Mechanismus bei fünf davon kaputt. Jedes sechste Stativ. Das neue ONE-Stativ mit dem 500X-Fluidkopf, Manfrottos Antwort an die Solo-Shooter, habe ich mir angeschaut, gekauft habe ich es nicht. Ein Traditionshaus, das es aus meiner Erfahrung seit Jahren nicht auf die Reihe kriegt, innovative Stative zu bauen, die Jahre durchhalten, während die Newcomer genau das liefern.

GoPro lässt grüssen

«Aber Miller war doch Premium, das trifft die anderen nicht», den Einwand höre ich schon. Nur schützt ein starkes Erbe nicht, wenn Tempo und Kosten nicht mehr stimmen. GoPro hat die Action-Cam-Kategorie erfunden und jahrelang dominiert. Heute? 2024 baute die Firma rund einen Viertel der Belegschaft ab, diesen April folgten nochmals 23 Prozent. Wie es so weit kommen konnte, habe ich im Juni ausführlich aufgeschrieben. Miller ist nach GoPro das zweite Beispiel innert kurzer Zeit dafür, dass grossartiges Engineering von gestern kein Garant für morgen ist, wenn man nicht mit Vollgas weiterentwickelt und die Kosten im Griff behält. Marken, die vor fünf Jahren unumstösslich schienen, stehen plötzlich im Abseits.

Und im Ton läuft dasselbe, mit einer Portion Arroganz obendrauf

Wer glaubt, das sei ein Stativ-Problem, schaue zu den Funkstrecken. Røde, DJI und Hollyland haben mit ihren kompakten 2.4-GHz-Systemen eine ganze Kategorie neu definiert: Broadcast-Qualität für alle, zu einem Bruchteil der früheren Preise. Und Sennheisers Antwort darauf? Kam zuerst als EW-DP, professionell gedacht, technisch solide, aber schlicht zu gross für genau die Zielgruppe, um die es ging. Ich kenne keinen einzigen Creator, der eines gekauft hat. Ende 2024 folgte Profile Wireless: endlich das richtige Format, aber mit einem Funktionsumfang, den Røde und DJI schon 2021 beziehungsweise 2022 auf den Markt gebracht hatten. Begleitet wurde das alles von einem Auftreten, über das ich mich schon zur NAB 2024 in einem LinkedIn-Beitrag geärgert habe: diese Selbstgewissheit, als hätte man alle anderen Anbieter längst ausgestochen. Genau diese Haltung meine ich. Wer Jahre zu spät liefert, sollte wenigstens leise auftreten, Überheblichkeit ist das Letzte, was sich etablierte westliche Hersteller im Moment leisten können.

Røde beweist: Am Standort liegt es nicht

Das Bittere, oder je nach Lesart das Hoffnungsvolle, an dieser Geschichte: Die Widerlegung der Standort-Ausrede kommt aus Millers eigener Stadt. Røde fertigt in Sydney, in einer hochautomatisierten Präzisionsfertigung mit eigenem Robotik-Team, und prägt von dort aus den weltweiten Creator-Audio-Markt. Blackmagic Design, ebenfalls aus Australien, wirbelt seit Jahren die Kameraklasse durcheinander. Hochlohnland, westliche Firma, und trotzdem vorne. Es geht also. Aber nur mit maximalem Entwicklungstempo, konsequenter Automatisierung und Preisen, die der Konkurrenz wehtun. Genau diese Kombination hat Miller, bei allem Respekt, zuletzt nicht mehr geboten.

Was bleibt

Wir in Europa, und noch mehr die Hersteller in den USA, sollten uns warm anziehen. Die Frage an jedes Produkt aus westlicher Fertigung lautet künftig: Warum soll jemand dafür das Doppelte oder Dreifache zahlen? «Weil wir es erfunden haben» ist keine Antwort. «Weil unser Name seit Jahrzehnten gut ist» auch nicht. Es zählt nur ein echter, aktueller Vorsprung, bei Leistung, Haltbarkeit oder Service. Wer den nicht liefern kann, wird verkauft, geschrumpft oder geschlossen.

Und Miller? Denen wünsche ich den würdevollsten Abgang, den eine Firma haben kann, und der ist bereits gesichert. Bob Millers Idee von 1946 steckt heute in jedem Fluidkopf dieser Welt, auch in denen aus Zhongshan und Shenzhen. Die Firma geht, die Erfindung bleibt. Ein grösseres Denkmal kann sich ein Ingenieur nicht bauen. Darum ein Aufruf an alle, die einen Miller besitzen: Verkauft ihn nicht, stellt ihn nicht in die Vitrine. Dreht damit. Jeder ruhige Schwenk, der auf einem Miller-Kopf entsteht, hält dieses Denkmal am Leben.

Was Miller-Besitzer jetzt wissen müssen

Ab dem 1. September 2026 läuft der Close-Down-Sale über drei Online-Shops (USA, Europa, weltweit). Letzter Handelstag ist der 25. September; danach werden laut Abschiedsbrief nur noch bestehende Verpflichtungen abgewickelt, bevor am 30. September alle Standorte schliessen. Wie es längerfristig mit Ersatzteilen, Reparaturen und Garantiefällen weitergeht, ist öffentlich nicht geregelt. Wer Miller-Material im Einsatz hat, klärt Service- und Ersatzteilfragen deshalb am besten jetzt mit dem regionalen Händler, solange Lager und Wissen noch vorhanden sind. Miller-Köpfe haben den Ruf, Jahrzehnte zu halten. Es wäre nicht das erste Mal, dass die Produkte dieser Firma länger leben als alles um sie herum.

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