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Instagram fordert YouTube heraus: Das lange Video kommt zurück

Allgemein

Instagram testet bis zu 90 Minuten lange Videos im Querformat. Die Verbindung mit Reels könnte für Creators mehr verändern als das neue Zeitlimit.

Comicartige Instagram- und YouTube-Logos mit Boxhandschuhen kämpfen in einem Boxduell.
Instagram Features treten in einer symbolischen Boxszene gegen YouTube an. Bild: KI-generiert

Das Wichtigste in Kürze

Für einen kurzen Clip zu Instagram, für die ganze Geschichte zu YouTube: Diese Aufteilung könnte ins Wanken geraten. Instagram testet mit Features lange Videos im Querformat und will sie direkt mit Reels verbinden. Wer an einem Ausschnitt hängen bleibt, soll gleich weiterschauen können. Für uns Content Creators ist das eine der spannenderen Nachrichten dieses Herbsts.

Die grosse Geschichte steckt für mich nicht in den 90 Minuten allein. Ein längeres Upload-Limit macht noch keine starke Videoplattform. Spannend ist, dass Instagram die kurzen Ausschnitte und die ganze Produktion zusammenbringen will. Die Aufmerksamkeit entsteht beim Scrollen, die längere Geschichte liegt einen Klick entfernt. Dafür muss niemand erst in eine andere App wechseln.

Der Reel wird zum Einstieg in die ganze Geschichte

Instagram-Chef Adam Mosseri und Produktchefin Tessa Lyons haben den neuen Kurs am 26. Oktober vorgestellt. Im Test sind horizontale Videos bis zu 90 Minuten vorgesehen, etwa für Podcasts, Interviews, Vlogs und Comedy. Dazu kommt die Verbindung mit kurzen Clips: Bis zu acht Reels sollen auf ein langes Video verweisen können. Der beschriebene Test mit Creators begann in Brasilien und wird auf ausgewählte Accounts in den USA ausgeweitet.

Stell dir ein längeres Gespräch vor, aus dem du mehrere gute Momente herausschneidest. Ein Reel zeigt eine überraschende Antwort, ein anderes eine kontroverse These. Wer mehr wissen will, landet beim vollständigen Gespräch. Jeder Ausschnitt eröffnet damit einen anderen Zugang zur gleichen Produktion. Das ist eine interessante Verbindung von Entdeckung und Vertiefung.

Für Filmemacherinnen, Produzenten und Unternehmen könnte das die Planung verändern: Eine längere Geschichte wäre nicht bloss Material für den YouTube-Kanal, aus dem nebenbei noch ein paar Reels entstehen. Sie könnte auch auf Instagram selbst ihren Platz haben. Welche Formate dort wirklich tragen, müssen die Creators und ihr Publikum herausfinden. Einen guten Grund, es auszuprobieren, sehe ich bereits.

Auf dem iPhone Duo wird der Unterschied greifbar

Auf dem iPhone Duo fällt mir auf, wie gut diese Idee zu einem aufklappbaren Bildschirm passt. Auf dem äusseren Display sehe ich die Vorschau. Klappe ich das Gerät auf, sehe ich direkt die ganze lange Geschichte auf der grösseren Fläche. Für mich fühlt sich dieser Wechsel sehr stimmig an: erst entdecken, dann Platz zum Anschauen haben.

iPhone Duo: links das geschlossene Gerät in der Hand, rechts das aufgeklappte Gerät mit Video.
Vom kompakten Smartphone zum grösseren Videobild: das iPhone Duo geschlossen und aufgeklappt. Foto: Bereitgestellte Vorlage; KI-bearbeitete Montage

Spannend daran finde ich weniger das Smartphone selbst als den Wechsel der Aufmerksamkeit: Ein Inhalt darf kurz neugierig machen und danach Raum bekommen. Das Querformat wirkt dabei nicht wie ein Fremdkörper, den man für einen vertikalen Feed zurechtstutzen muss.

Auch Matti Haapoja hat das neue Langformat auf Instagram aufgegriffen und reagiert sehr angetan. Seine Begeisterung kann ich nachvollziehen. Wer längere Geschichten erzählt, bekommt die Aussicht, sie dort zu zeigen, wo ein Teil seines Publikums ohnehin schon unterwegs ist.

Warum das YouTube Konkurrenz machen könnte

Ein Angriff auf YouTube muss nicht damit beginnen, dass Creators ihre Kanäle schliessen. Es genügt zunächst, wenn sie ihre nächsten längeren Videos zusätzlich auf Instagram veröffentlichen und dort Zuschauer finden. Dann konkurrieren die Plattformen um dieselbe Produktion, dieselbe Sehzeit und dieselben Werbepartner. Ob Instagram diesen Wettbewerb gewinnt, ist offen. Mit diesem Angebot greift Instagram YouTube offensichtlich direkt an.

Der Zeitpunkt könnte für Instagram günstig sein. In einer aktuellen Diskussion unter monetarisierten YouTube-Creators berichten mehrere Beteiligte von plötzlich eingebrochener Reichweite, auch bei Videos, deren Zuschauerbindung sie als gut beschreiben. Auf der Zuschauerseite richtet sich die Kritik an YouTube unter anderem gegen die Menge an Werbung und immer ähnliche Empfehlungen. Für Instagram entsteht daraus eine Chance: Wer mit seiner bisherigen Plattform hadert, hat einen zusätzlichen Grund, ein neues Angebot auszuprobieren.

Für mich wäre dieser Grund die Kombination aus vorhandener Community, kurzen Ausschnitten und langen Geschichten. Ein Creator müsste sein Publikum nicht für jede Vertiefung anderswohin schicken. Und als Zuschauer könnte ich bei einem interessanten Gedanken bleiben, statt nach dem nächsten Wisch schon beim nächsten Thema zu sein.

Was diesmal anders laufen muss als bei IGTV

Den ersten Anlauf gab es schon: Instagram startete IGTV im Juni 2018, zunächst mit dem Schwerpunkt auf vertikalen Langvideos und einer eigenen App. Die eigenständige IGTV-App wurde 2022 eingestellt. Das lange Video hatte sich dort nicht als dauerhaftes eigenes Angebot durchgesetzt.

Das frühere IGTV-Logo links und der App-Name IGTV rechts.
IGTV war Instagrams frühere eigenständige App für längere Videos. Foto: Bereitgestellte Vorlage; KI-bearbeitete Montage

Features setzt an einer anderen Stelle an: Querformat passt zu Produktionen, die viele Creators bereits machen. Und Reels sollen den Weg zur langen Fassung öffnen. Für mich ist das der entscheidende Unterschied zum blossen Bereitstellen einer weiteren Upload-Fläche. Eine Plattform muss zeigen, wie Menschen eine Geschichte finden und weshalb sie dabeibleiben.

Daran würde ich Instagram messen: Lässt sich die ganze Folge leicht öffnen? Finde ich sie später wieder? Erreichen die Ausschnitte Menschen, die auch Lust auf die längere Geschichte haben? Für den Erfolg ist nicht ausschlaggebend, ob ein Video 90 Minuten dauern darf, sondern ob es seine Zuschauer über die passende Länge trägt.

Die Chancen beginnen vor dem ersten Werbefranken

Die Vergütung gehört zur Einordnung. Instagram hat noch kein langfristiges Modell zur Beteiligung an Werbeerlösen für Features vorgestellt; einzelne Creators werden während der Tests direkt unterstützt. Bestehende Sponsoring-Partnerschaften können in die langen Videos mitgenommen werden. YouTube bietet mit seinem Partnerprogramm bereits eine etablierte Möglichkeit, an Werbung zu verdienen.

Wer seine Produktion aus solchen Erlösen finanziert, braucht verlässliche Konditionen. Das entscheidet mit darüber, wie viel Arbeit sich für Instagram lohnt. Für ein Unternehmen, einen selbständigen Filmemacher oder einen Creator mit Sponsoren ist die Frage aber breiter: Erreiche ich mit einer ganzen Geschichte die richtigen Menschen? Kann ich mein Können zeigen, ein Thema verständlich machen oder eine Beziehung zum Publikum aufbauen? Der Wert eines Videos erschöpft sich nicht im Erlös pro Aufruf.

Ich würde deshalb schon jetzt überlegen, welche eigenen Geschichten von mehr Raum profitieren: ein gutes Fachgespräch, ein Einblick in eine Produktion, eine verständliche Erklärung. Nicht jeder Clip muss länger werden. Aber eine Geschichte sollte auch nicht früher enden müssen, als ihr Inhalt es verlangt. Wer das Zusammenspiel von Kamera, Licht und Ton dafür vertiefen möchte, findet in unseren Kamerakursen die Grundlagen für solche Produktionen.

Mein Fazit: 16:9 bekommt eine neue Chance

Features ist noch ein Test, und die angekündigte Erweiterung in den USA ist kein Termin für einen allgemeinen Start in der Schweiz. Darauf würde ich die nächste Produktion also noch nicht abstützen. Trotzdem sehe ich einen guten Grund, genau hinzuschauen: Instagram öffnet die Tür für Geschichten, die über den schnellen Clip hinausgehen.

Ich finde das grosse News für uns Content Creators. Mehr Wettbewerb kann uns zusätzliche Wege zum Publikum geben. YouTube muss dafür nicht verschwinden. Schon eine ernstzunehmende zweite Möglichkeit für längere Videos würde etwas verändern. 16:9 ist jedenfalls nicht gestorben. Es könnte gerade einen weiteren Ort bekommen, an dem sich gute Geschichten lohnen.

FAQ

Was ist Instagram Features?

Features ist ein Langvideoformat, das Instagram mit ausgewählten Creators testet. Vorgesehen sind horizontale Videos bis zu 90 Minuten, etwa für Interviews, Podcasts und Vlogs. Kurze Reels sollen direkt auf die vollständige Fassung verweisen können.

Kann ich Features bereits in der Schweiz verwenden?

Features ist noch kein allgemein freigeschaltetes Angebot. Nach Tests in Brasilien wird es seit dem 26. Oktober mit ausgewählten Creators in den USA erprobt. Daraus lässt sich noch kein Starttermin für Schweizer Accounts ableiten.

Was ist die grösste Chance für Creators?

Für mich liegt sie im direkten Weg vom kurzen Ausschnitt zur ganzen Geschichte. Ein Reel kann Interesse wecken, und das Publikum kann auf derselben Plattform vertiefen. So könnte eine längere Produktion neben YouTube einen zusätzlichen Veröffentlichungsort bekommen.

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